Halbleiter-Fertigung Katastrophe in Japan trifft Elektronikbranche weltweit (Update)

Redakteur: Peter Koller

Ungeachtet der unvorstellbaren humanitären Katastrophe dürften die Ereignisse in Japan auch massive Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben. Die Elektronikbrache könnte aufgrund der Hightech-Orientierung Japans besonders betroffen sein. Aus Japan kommt ein Fünftel der weltweiten Halbleiter-Produktion.

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Die Standorte von Halbleiter-Fabs in Japan (Grafik: Objective Analysis)
Die Standorte von Halbleiter-Fabs in Japan (Grafik: Objective Analysis)

Japan ist einer der weltweit größten Hersteller von Halbleitern und elektronischen Systemen. 2010 kamen laut Analystenfirma IHS iSuppli und Objective-Analysis aus Japan:

  • 13,9 Prozent aller elektronischen Geräte, darunter Computer, Consumer-Elektronik sowie Kommunikationstechnik.
  • Rund ein Fünftel der weltweiten Halbleiter-Produktion.
  • Etwa 15 Prozent der DRAM-Fertigung.
  • 16,5% des weltweiten Umsatzes an Consumerelektronik-Fertigungsausrüstung.
  • 6,2% des Marktes für großflächige LCD-Panels.
  • 14 Prozent aller TV-LCD-Panel.

Ein Beben dieser Stärke kann die Fertigungsstätten für Halbleiter erheblich beschädigen. Bis die Elektrizitäts- und Wasserversorgung sowie die Transportwege wieder hergestellt sind, können viele Tage, wenn nicht sogar Wochen vergehen.

Neben der Chipfertigung ist Japan auch ein wichtiger Zulieferer von Ausrüstungen und Materialien für die Halbleiterfertigung (Fab Equipment), was die Chipfertigung weltweit beeinträchtigen kann.

Das größte Problem sehen die Analysten bei der Wiederherstellung des Transportnetzwerks und der Verknappung der Stromversorgungsressourcen.

Entsprechend dem Ausmaß der Dreifach-Katastrophe aus Erdbeben, Tsunami und den Reaktorunfällen ist die Situation in Japan derzeit noch sehr unklar. In Bezug auf die Elektronikbranche haben sich bislang aber folgende Informationen herauskristallisiert:

Der japanische Halbleiterkonzern Toshiba produziert gemeinsam mit seinem Partner SanDisk rund die Hälfte des weltweiten NAND-Flash-Bedarf und die Produktion findet komplett in Japan statt. Laut einer Mitteilung von SanDisk sind die beiden Herstellungsstätten des Joint Ventures rund 1000 Kilometer vom Epizentrum des Erdbebens entfernt. Es sei zu einem kurzen Stillstand der Produktion gekommen. Die Fabs hätten aber bereits am Freitag wieder die Fertigung aufgenommen. Allerdings sei man noch dabei, die möglichen Auswirkungen der teilweise zerstörten Verkehrsinfrastruktur und der Supply Chain zu evaluieren. NAND-Flash kommt einer Vielzahl vor allem mobiler Geräte wie etwa Handys und Tablets zum Einsatz. Der Markt reagierte umgehend auf die drohenden Versorgungsprobleme: Im Verlauf des Montagvormittags stiegen die Preise für 32-Gbit-Module laut DRAMeXchange um bis zu 20 Prozent.

Rund 60 Prozent des weltweiten Bedarfs an Silizium-Wafern wird von Japan gedeckt und zwar hautpsächlich von den Unternehmen Shin-Etsu Handotai (SEH) und Sumco. In mehreren Fabs von Shin-Etsu ist es nach Mitteilung des Unternehmens zu Produktionsstopps gekommen, Stand Montag Morgen wurde die Fertigung auch noch nicht wieder aufgenommen. "Das kann erst erfolgen, wenn es eine Sicherheitsüberprüfung der betroffenen Anlagen gegeben hat," hieß es in einer Mitteilung. SEH produziert pro Monat etwa 1,2 Millionen 12-Zoll-Wafer. Weil die meisten Foundrys über einen gewissen Vorrat an Wafern verfügen, würde ein zweiwöchiger Produktionsausfall bei SEH keine nennenswerten Auswirkungen haben, so Tony Huand von Digtimes Research: "Wenn es aber zwei Monate oder längern dauern sollte, bis die Fab von SEH in Shirikawa den Normalbetrieb wieder aufnehmen kann, könnte das zu einem echten Problem für die Supply Chain der Foundrys werden."

Der Sony-Konzern ist vom Erdbeben offenbar relativ stark betroffen. Laut Medienberichten aus Japan wurden zwei Fabs in der Miyagi-Präfektur komplett geschlossen, in mehreren anderen wurde die Produktion ausgesetzt. Teilweise sei es durch die Erdstöße zu Beschädigungen der Anlagen gekommen.

Renesas, einer der größten Hersteller von Microcontrollern, musste ebenfalls die Produktion in sieben von insgesamt 22 Werken in Japan stoppen. Laut einer Unternehmenssprecherin sei man dabei, die entstandenen Schäden zu ermitteln, die Sicherheit der Mitarbeiter habe aber absoluten Vorrang. In einer der Fabriken begann inzwischen wieder das Hochfahren der Fertigung.

Texas Instruments teilte mit, dass seine Chipfabriken in Miho und Aizu geschlossen wurden.

M.Setek, Hersteller von Silizium-Wafern insbesondere für die Solarzellen-Produktion hatte aufgrund von Strom- und Wasserausfällen mit einer Produktionsunterbrechung zu kämpfen. "Wir erwarten aber eine Wiederaufnahme der Produktion bis zum Ende dieser Woche", sagt KY Lee, Chairman des Mutterkonzerns AU Optronics (AUO).

Auch deutsche Unternehmen mit Tausenden Mitarbeitern in Japan sind von dem katastrophalen Erdbeben betroffen. Tote oder Verletzte sind nach ersten Erkenntnissen bislang aber nicht zu beklagen.

Siemens hat nach eigenen Angaben alle 2500 Mitarbeiter in Japan nach derzeitigem Stand rechtzeitig in Sicherheit gebracht.

An den fünf japanischen Standorten des Autozulieferers Continental hat es nach einem ersten Überblick nur geringe Schäden gegeben. "Wir haben mit Kollegen gesprochen und nur von kleineren Schäden gehört", sagte Conti-Sprecherin Antje Lewe.

Trotz allem warnen Experten in Bezug auf die wirtschaftlichen Auswirkungen der Dreifach-Katastrophe in Japan vor Panikmache: Laut dem Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln können die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft als "moderat" eingeschätzt werden.

Mit Material von dpa

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