Die deutsche Industrie kann sich über einen überraschend starken Anstieg der Aufträge freuen. Ökonomen sprachen von einer Aufholjagd. Der Industrieverband BDI zweifelt aber an einer schnellen Erholung.
Mitarbeiter der Porsche AG haben in der Produktion des batterieelektrische angetriebenen Sportwagens Porsche Taycan einen Mundschutz an. Die Aufträge in der deutschen Industrie, vor allem in der Autobranche, wachsen derzeit stark. Der Industrieverband BDI sieht aber keine schnelle Erholung der Wirtschaft schon im Herbst.
(Bild: Marijan Murat/dpa)
Der Auftragseingang in der deutschen Industrie hat sich nach dem Einbruch in der Corona-Krise überraschend stark erholt. Nachdem das Ordervolumen schon im Mai um 10,4 Prozent zum April gestiegen war, gab es im Juni ein kräftiges Plus um 27,9 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag in Wiesbaden mitteilte.
Ermutigende Steigerung
Im März und April waren die Bestellungen eingebrochen, als in vielen Staaten die Wirtschaft im Kampf gegen die Pandemie größtenteils heruntergefahren wurde. Nun wuchsen gerade die Aufträge in der deutschen Autobranche stark. Die Daten sind ermutigend, da die Bestellungen ein Indikator für die Geschäfte der Industrie sind.
Der Industrie- und Technologiekonzern Siemens legte ein überraschend starkes drittes Geschäftsquartal hin. Der Umsatz im Zeitraum April bis Juni sank im Vergleich zur Vorjahresperiode nur um fünf Prozent, das Ergebnis im fortgeführten Geschäft blieb sogar fast auf Vorjahresniveau. Der Industrieverband BDI blickt dennoch skeptisch auf die deutsche Wirtschaft: Er sieht keine schnelle Erholung schon im Herbst.
Analysten hatten einen Anstieg der Auftragseingänge in der Industrie erwartet, waren aber nur von einem Zuwachs um 10,1 Prozent im Monatsvergleich ausgegangen. „Die deutsche Industrie meldet sich eindrucksvoll zurück“, kommentierte Experte Ralph Solveen von der Commerzbank. Die Daten zeigten, dass sich die Geschäfte in der Industrie nach der Aufhebung der Beschränkungen spürbar belebt hätten. Nach Einschätzung von Solveen dürfte auch die Produktion in Juni deutlich gestiegen sein.
„Jetzt bekommt die konjunkturelle Aufholjagd mächtig Schwung“, meint Jens-Oliver Niklasch, Analyst bei der Landesbank Baden-Württemberg. Die Auftragseingänge lägen so deutlich über den Erwartungen, „dass man da schon fast von einem echten Durchbruch reden kann“, so der Ökonom. „Natürlich gelten die üblichen Vorbehalte bezüglich eines zweiten Lockdowns, aber diese Zahl macht wirklich Mut für die Konjunktur im zweiten Halbjahr.“
Laut Statistischem Bundesamt fiel der Auftragseingang in der Autoindustrie im Juni mit einem Anstieg um 66,5 Prozent besonders stark aus. Das Auftragsniveau in der deutschen Schlüsselindustrie liege aber immer noch um 12,2 Prozent niedriger als im Februar, bevor die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie eingeführt worden seien. Der Auftragseingang bei Konsumgütern sei ferner im Juni nur um 1,1 Prozent im Monatsvergleich gestiegen.
Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums nähern sich die Industrieaufträge wieder dem Vorkrisen-Niveau. Experten des Ministeriums bezifferten das Volumen der Ordereingänge auf 90,7 Prozent der Bestellungen vor dem Ausbruch der Pandemie im vierten Quartal 2019. Auch der Jahresvergleich zeigt, dass der Einbruch beim Auftragseingang nicht wettgemacht ist: Der Auftragseingang im Juni lag 11,3 Prozent niedriger als ein Jahr zuvor.
Vor allem aus dem Inland mehr Aufträge
Den stärksten Zuwachs verzeichneten die Statistiker bei den Aufträgen aus dem Inland. Hier habe es einen Zuwachs um 35,3 Prozent zum Vormonat gegeben, hieß es. Beim Ordereingang aus dem Ausland meldete das Bundesamt einen geringeren Zuwachs um 22 Prozent.
„Der Anstieg im Juni ist hoffnungsvoll“, erklärte auch der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Jedoch falle auf, dass gerade die Bestellungen aus dem Ausland weiter zurückhaltend seien. „Für die international vernetzte deutsche Industrie wird es in den nächsten Monaten darauf ankommen, wie es weltweit den anderen Volkswirtschaften gelingt, mit der Pandemie erfolgreich umzugehen“, sagte DIHK-Hauptgeschäftsführungsmitglied Ilja Nothnagel.
Auch aus dem Mittelstand gab es hoffnungsvolle Signale für die deutsche Wirtschaft, wie die Förderbank KfW meldete. So helle sich das Geschäftsklima der Firmen auf, und bei den besonders gebeutelten Großunternehmen gebe es viel Hoffnung auf Besserung der Geschäfte. „Nach dem Absturz ins Bodenlose im April ist den kleinen und mittleren Unternehmen ein recht ordentlicher Neustart gelungen“, sagte Fritzi Köhler-Geib, Chefvolkswirtin der KfW, in Frankfurt.
Grundstimmung in der Wirtschaft weiter verhalten
Der Industrieverband BDI erwartet wegen der schweren Folgen der Corona-Krise dagegen keine schnelle Erholung der Wirtschaft. «Ohne mehr und zielgerichtetere Hilfen befürchten wir einen deutlichen Anstieg der Insolvenzen ab Herbst“, sagte Industriepräsident Dieter Kempf der Deutschen Presse-Agentur. „Die Liquidität muss verbessert werden, die Firmen brauchen Eigenkapital. Das kann zu einem großen Problem werden, wenn nicht gegengesteuert wird. Die Unternehmen sind sehr stark bankenfinanziert.“
Stand: 08.12.2025
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Kempf sagte, er teile den Optimismus von Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) nicht, dass es im Oktober wieder aufwärts gehe. „Ich gehe davon aus, dass es deutlich länger dauert.“ Das Wachstum werde 2021 und möglicherweise auch 2022 noch verhalten sein, wobei dies von Branche zu Branche unterschiedlich sei: „Aber einen Aufschwung im Herbst 2020 sehe ich beim besten Willen nicht.“
Das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland war im zweiten Quartal um zehn Prozent eingebrochen. Altmaier rechnet damit, dass im Herbst die Wirtschaft in der ganzen Breite wieder wächst. „Es gibt Anzeichen für eine wirtschaftliche Erholung», sagte Kempf. „Die Grundstimmung in der Wirtschaft ist aber nach wie vor nicht gut.“#