30 Jahre lang hat Rahman Jamal die Elektronik- und Messtechnikbranche entscheidend mitgeprägt. Doch nicht nur als Ingenieur, sondern auch als Mensch hat er in der Branche seine Spuren hinterlassen. Ein Gespräch mit und über ihn.
Rahman Jamal war 30 Jahre bei National Instruments und damit ein Teil der Messtechnik-Branche. Den VIP-Anwenderkongress hat er mit aus der Taufe gehoben.
(Bild: ELEKTRONIKPRAXIS/privat)
Rahman Jamal blickt auf eine bemerkenswerte Laufbahn zurück: 30 Jahre lang hat er die Technologiebranche geprägt und mitgestaltet. Er ist allerdings nicht nur Ingenieur, sondern auch Humanist. Ihn zeichnet ein ganzheitlicher Blick auf die Technik und deren Einfluss auf Mensch und Gesellschaft aus. Zusammen mit Johann Wiesböck, dem ehemaligen Chefredakteur der ELEKTRONIKPRAXIS, hat er die Leser über Elektronik und Messtechnik informiert.
Im Interview erzählt Rahman Jamal über die Verantwortung von Ingenieuren, den Umgang junger Menschen mit künstlicher Intelligenz und die Frage, wo technischer Fortschritt ethische Grenzen findet. Es ist ein Interview über Neugier als Motor der technischen Entwicklung, über Elektronik und Messtechnik als Brücke zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit – und darüber, warum Ingenieure der Zukunft nicht nur Techniker, sondern auch Humanisten sein sollten.
Rahman, wenn du auf die Anfänge deiner Karriere zurückblickst: Was war der Moment, in dem du zum ersten Mal gespürt hast, dass Elektronik die Welt grundlegend verändern wird?
Rückblickend war es weniger ein technischer Aha-Moment als ein inneres Staunen. Mich beschäftigte schon früh die Frage, wie aus einem Sinnesreiz bewusstes Erleben wird – wie Wirklichkeit überhaupt in uns entsteht. Der Wendepunkt kam im Physikunterricht. Ich verstand, dass wir Instrumente bauen können, die unsere Wahrnehmung erweitern. Plötzlich wurde Unsichtbares sichtbar, Unhörbares messbar, Flüchtiges speicherbar. In diesem Moment begriff ich: Elektronik bringt nicht nur Geräte hervor – sie erweitert unser Erkenntnisvermögen.
Im Studium wurde diese Faszination konkret: bei der Digitalisierung von Sprachsignalen, der Analyse zeitdiskreter Systeme, beim Aufbau komplexer Testsysteme. Dort erlebte ich, wie aus abstrakten Daten interpretierbare Strukturen werden – und dass Messung die Voraussetzung für Verstehen ist. Ein weiterer Schlüsselmoment war mein Bewerbungsgespräch mit James Truchard, dem Gründer von National Instruments. Seine erste Frage lautete: 'Was möchten Sie im Leben erreichen?' Meine spontane Antwort: 'Nützliche Dinge für Menschen entwickeln.'
Heute erkenne ich darin den roten Faden meiner Laufbahn. Elektronik und im Speziellen Messtechnik ist für mich mehr als Ingenieurskunst – sie ist die Brücke zwischen Wahrnehmung und überprüfbarer Wirklichkeit. Und sie definiert, wofür wir Verantwortung übernehmen.
Eine Frage über Johann Wiesböck: Wie hast du ihn kennengelernt?
Ich traf Johann Wiesböck im Jahr 1991 auf meiner ersten Pressekonferenz als junger Ingenieur. Kurz darauf stellte er eine spitze Frage: 'Was wollt ihr in Deutschland mit einem Messtechnikprodukt für Echtzeitanwendungen auf dem Apple Macintosh?' Unser Schlagabtausch fühlte sich an wie ein Tischtennismatch mit einem sehr erfahrenen Gegner – hart, präzise, fordernd. Am Ende wollte er eine Titelgeschichte über genau dieses Produkt machen.
Seitdem verbindet uns eine über 30-jährige Freundschaft. Johann ist kein klassischer Technikredakteur. Der er ist zugleich Stratege, Moderator und jemand mit einem untrüglichen Gespür für Relevanz. Aus unserem kontinuierlichen Dialog sind zahlreiche Beiträge und Interviews für die ELEKTRONIKPRAXIS entstanden.
Welche Eigenschaften sind bei Ingenieuren zeitlos? Was unterscheidet einen guten Entwickler von damals von einem aus dem Jahr 2026?
Ingenieure sind für mich Brückenbauer zwischen Theorie und Praxis. Zeitlos sind Neugier, analytisches Denken, Problemlösungskompetenz und die Fähigkeit, Komplexität verständlich zu machen. 2026 kommt ein entscheidender Faktor hinzu: Künstliche Intelligenz ist nicht mehr nur Werkzeug, sondern Partner im Entwicklungsprozess. Sie spannt den Bogen von Simulation über Optimierung bis hin zur Automatisierung.
Doch mit dieser neuen Leistungsfähigkeit wächst die Verantwortung. Technik darf nicht nur faszinieren, sie muss Nutzen stiften und ihre Folgen reflektieren. In meinem Buch 'Der Mann ohne Muttersprache' beschreibe ich genau diesen Anspruch: Der Ingenieur der Zukunft sollte nicht nur Techniker sein, sondern auch Humanist.
Neugier war immer der Motor von Innovation.
Rahman Jamal
Du suchst oft den Dialog mit Schülern und Studenten. Wenn es um das Thema KI geht, erklärst du ihnen nicht nur die Algorithmen, sondern du sprichst über den Nutzen, die Gefahren und darüber, wer eigentlich die wirtschaftlichen Interessen hinter dieser Technik kontrolliert. Wenn du den jungen Menschen heute zuhörst: Was an ihrem oftmals pragmatischen Umgang mit KI fühlt sich für dich vertraut an – und wo hast du das Gefühl, dass wir Gefahr laufen, die Seele der Ingenieurskunst und die notwendige kritische Distanz zu verlieren?
Mich beeindruckt die pragmatische Neugier der jungen Generation. Sie probieren KI-Tools aus, denken vom Ergebnis her und nutzen, was funktioniert. Diese Experimentierfreude ist zutiefst vertraut – Neugier war immer der Motor von Innovation. Meine Sorge beginnt dort, wo Selbstverständlichkeit kritische Distanz ersetzt. Wer KI nur als nützliches Werkzeug begreift, ohne zu fragen, wer sie entwickelt, welche Interessen sie steuern und welche Werte sie prägen, delegiert Verantwortung.
Stand: 08.12.2025
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Dabei stehen wir erst am Anfang. Wenn Sprachmodelle, Weltmodelle und physische KI zusammenwachsen, überschreitet KI die Schwelle vom Symbolischen ins Materielle. Sie analysiert nicht nur, sondern sie handelt. Mit Sensoren als Sinnen und Aktoren als Eingriffspunkten verändert sie reale Prozesse. Spätestens dann verschiebt sich unser Verständnis von Autonomie und Verantwortung grundlegend.
Vielleicht sollten wir deshalb weniger über Leistungsfähigkeit sprechen und vielmehr über Bewusstsein, Erfahrung und die menschliche Einbettung in die Welt. Am Ende zeigt uns KI womöglich weniger, was Maschinen können, als was menschliches Verstehen wirklich bedeutet.
Gab es in deiner Laufbahn einen Moment, in dem dir klar wurde: Hier geht es nicht mehr nur um Technik, sondern um Verantwortung?
Dieser Moment kam früh. Mit zehn Jahren, als ich nach Deutschland kam, wurde mir die Diskrepanz zwischen stabiler Infrastruktur hier und den Lebensbedingungen meiner Kindheit bewusst. Verlässliches Wasser, Strom und medizinische Versorgung sind keine Selbstverständlichkeiten. Diese Erfahrung prägte meine Studienwahl. Ich wollte Technik dort einsetzen, wo sie Lebensrealität verbessert. Für mich ist Technik nie neutral – sie wirkt. Und wer sie gestaltet, übernimmt Verantwortung.
Energieverbrauch, Materialeinsatz und Lebensdauer werden zu kritischen Faktoren.
Rahman Jamal
Wo endet für dich technischer Fortschritt und wo beginnt die Pflicht zum Innehalten?
Fortschritt kennt kaum technische Grenzen, allerdings sehr wohl ethische. Sobald Technologie Menschen, Umwelt oder gesellschaftliche Strukturen berührt, beginnt die Pflicht zum Innehalten. Wir müssen prüfen, welchen Nutzen wir schaffen, welche Risiken entstehen und ob wir die Werte achten, die unser Zusammenleben tragen.
Welches ungelöste Problem der Elektronik wird uns auch in den kommenden Jahren noch beschäftigen?
Eine zentrale Herausforderung bleibt die Balance zwischen Leistungsfähigkeit, Energieeffizienz und Nachhaltigkeit. Wir können immer komplexere Systeme bauen – doch Energieverbrauch, Materialeinsatz und Lebensdauer werden zu kritischen Faktoren.
Gleichzeitig wächst unsere gesellschaftliche Abhängigkeit von Elektronik. Das beginnt bei Smartphones über Fahrzeuge bis hin zu kritischen Infrastrukturen. Die Aufgabe der kommenden Jahre wird es sein, leistungsfähige Systeme zu entwickeln, die zugleich effizient, langlebig und verantwortungsvoll sind. (heh)