Fragen an die "Urgesteine" Es ist wichtig, den Finger zu heben und zu warnen

Das Gespräch führte Stefanie Eckardt 6 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Die Halbleiterindustrie erzielte 2025 einen Rekordumsatz von knapp 800 Milliarden US-Dollar. Kein Wunder, Chips sind für viele Applikationen der Treiber. Alfred Eiblmayr, seit 1999 bei STMicroelectronics, begleitet die Halbleiterentwicklung seit Jahren.

Geschätzter Ansprechpartner für Journalisten: Alfred Eiblmayr koordiniert seit vielen Jahren beim Halbleiterhersteller STMicroelectronics die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Als ehemaliger Redakteur weiß er, worauf es ankommt. (Bild:  Alfred Eiblmayr)
Geschätzter Ansprechpartner für Journalisten: Alfred Eiblmayr koordiniert seit vielen Jahren beim Halbleiterhersteller STMicroelectronics die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Als ehemaliger Redakteur weiß er, worauf es ankommt.
(Bild: Alfred Eiblmayr)

Ohne Halbleiter würde das heutige Leben in vielen Bereichen zum Erliegen kommen. Halbleiter stecken in Fahrzeugen, in der Kommunikationstechnologie, in der Medizintechnik, in Maschinen und Anlagen, in der Infrastruktur. Wie wichtig die Komponenten sind, zeigte insbesondere die Chipkrise von 2020 bis 2023, die sich vor allem auf die Automobilindustrie auswirkte. Doch man erholte sich schnell, wie Wachstum und Umsatzrekord des vergangenen Jahres zeigen.

Einer, der die Hochs und Tiefs der Halbleiterindustrie seit vielen Jahren miterlebt, ist Alfred Eiblmayr. Zunächst als Redakteur der Fachzeitschrift Design&Elektronik und dann als Presseverantwortlicher bei STMicroelctronics für Deutschland und Zentraleuropa. Im Interview verrät er nicht nur, dass er für viel Verwunderung sorgte, mit einem Elektrotechnikstudium den Weg eines Redakteurs einzuschlagen. Er erklärt auch, warum Technik, nicht nur Fortschritt, sondern vor allem Verantwortung bedeutet.

Alfred, wenn du auf die Anfänge deiner Karriere zurückblickst: Was war der Moment, in dem du zum ersten Mal gespürt hast, dass Elektronik die Welt grundlegend verändern wird?

Dass die Elektronik die Welt grundlegend verändern wird, habe ich lange vor meiner beruflichen Karriere gespürt. Begonnen hatte alles mit einem Kosmos Elektronik-Versuchskasten, den ich als Schüler zu Weihnachten bekommen habe. Der enthielt damals zwar nur zwei Transistoren, aber was man damit zusammen mit ein paar Widerständen und Kondensatoren realisieren konnte, hat mein Interesse an der Elektronik nachhaltig geprägt. Später wurde mir noch stärker die Bedeutung der Elektronik klar, als die ersten Homecomputer, wie der Commodore 64 verfügbar wurden.

Gab es ein frühes Projekt, ein Gespräch oder ein Gerät, das dich nachhaltig geprägt hat?

Ich weiß nicht, ob es das eine Projekt, Gespräch oder Gerät gab, aber mit Sicherheit hat mich der Homecomputer beeinflusst. Eine Maschine, der man ein paar Befehle gibt und die das dann ausführt, war damals schon faszinierend.

Gab es in deiner Laufbahn einen Moment, in dem dir klar wurde: Hier geht es nicht mehr nur um Technik, sondern um Verantwortung?

Der deutlichste Hinweis, dass Technik auch Verantwortung bedeutet, ist für mich der Reaktorunfall in Tschernobyl. Ein Block des Atomkraftwerks explodiert und fast die halbe Welt ist davon betroffen; das ist schon ein großes Zeichen, dass man bei gefährlichen Anwendungen sehr gut aufpassen muss, damit nichts passiert.

Wo endet für dich technischer Fortschritt – und wo beginnt die Pflicht zum Innehalten?

Für mich endet technischer Fortschritt da, wo er nicht zum Wohle der Menschheit eingesetzt wird. Leider nutzt nur Innehalten nicht viel, denn irgendwer macht es dann vermutlich doch. Es ist wichtig, den Finger zu heben und zu warnen.

An welchem Punkt deiner Karriere hast du ernsthaft gezweifelt, ob die Richtung noch die richtige ist?

Gezweifelt nie, es gab Anpassungen an die berufliche Ausrichtung: Vom Redakteur einer Fachzeitschrift zur Öffentlichkeitsarbeit eines Halbleiterherstellers, aber der Elektronik bin ich immer treu geblieben und finde sie auch heute noch sehr spannend.

Gab es eine technologische Entwicklung, der du lange skeptisch gegenüberstandest – und die du heute anders bewertest?

Ja, die gab es schon sehr früh in meiner Karriere. Als geübter BASIC-Programmierer und Anwender von MS-DOS, waren mir Fensteroberflächen anfangs sehr suspekt, man schrieb dann nicht mehr Befehle, sondern steuerte durch Mausklicks. Es war zu Anfang für mich unvorstellbar, wie auf diesem Weg sinnvoll mit einem Computer gearbeitet werden kann. Das war allerdings bevor ich das Prinzip der Fensteroberflächen zu sehen bekam. Als ich dann das erste Mal mit diesen „ominösen“ Fenstern auf einem Apple-Computer zu tun hatte, wandelte sich meine Einstellung sehr schnell. Die Lehre, die ich daraus gezogen habe, ist, dass man nichts vorschnell bewerten sollte, was man nicht genau kennt.

Welche Eigenschaften sind bei Ingenieuren zeitlos? Was unterscheidet einen guten Entwickler von damals von einem aus dem Jahr 2026?

Die Kernaufgabe eines Ingenieurs ist es, Lösungen für technische Probleme zu finden und diese dann auch noch schnell und möglichst kostengünstig umzusetzen. Das wird sich vermutlich nie ändern. Ein guter Entwickler von damals hatte viele Daten und Parameter im Kopf, wollte er nicht lange in Datenbüchern nachlesen. Das ist heute durch die umfassende digitale Unterstützung nicht mehr unbedingt notwendig. Die Informationsfülle des Internets, umfangreiche Entwicklungssysteme oder auch die Künstlichen Intelligenz haben es den Entwicklern in vielen Bereichen erleichtert ihre Tätigkeit mehr auf den kreativen Teil zu verlagern.

Was ist im Laufe der Jahrzehnte in der Elektronik verloren gegangen – und was ist neu hinzugekommen, das du wirklich schätzt?

Was im Laufe meiner Karriere neu dazugekommen ist und ich sehr schätze, sind Internet und Smartphone. Kennt jemand noch Telefonzellen? Vielleicht sogar die oft verräucherten gelben Häuschen mit einer kleinen Auswahl an Telefonbüchern, in denen man nach der Nummer des Anzurufenden suchen konnte? Heute nimmt man einfach sein Smartphone in die Hand und sucht im Internet nach der Telefonnummer, wenn man denn überhaupt noch telefoniert und nicht eine Nachricht via Messenger schickt.

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Welchen Rat, den man dir zu Beginn deiner Karriere gegeben hat, hast du ignoriert – und bist heute froh darüber?

Es war kein Rat, sondern der berufliche Standardweg eines Elektrotechnikstudenten, den ich ignoriert habe. Statt in eine Entwicklungs-, Vertriebs- oder Marketingabteilung einer Firma zu gehen, wurde ich, zum großen Erstaunen meiner Studienkollegen, Redakteur bei einer neu gegründeten Fachzeitschrift. Es war und ist immer noch sehr spannend, stets den neuesten Entwicklungsstand in der Elektronik direkt mitzuerleben.

Was möchtest du der nächsten Generation mitgeben – nicht als Rat, sondern als Erfahrung?

Seid neugierig, bleibt immer offen für positive Veränderungen, schaut auf unsere Umwelt – wir haben nur diese – und vergesst trotz aller technischen Möglichkeiten die Menschlichkeit nicht.

Welches ungelöste Problem der Elektronik wird uns auch in den kommenden Jahren noch beschäftigen?

Was uns die nächsten Jahre sicherlich noch sehr beschäftigen wird sind alle Möglichkeiten der Energieeffizienz bzw. -einsparung zu realisieren. Auch das effektive Speichern elektrischer Energie wird auf der Tagesordnung bleiben und insgesamt natürlich auch der Schutz von Umwelt und Klima, der mit Hilfe der Elektronik sicherlich weiter verbessert werden kann.

Welches elektronische Gerät aus deiner Laufbahn steht heute noch bei dir zu Hause – einfach, weil es eine Seele hat?

Es ist jetzt nicht direkt ein Gerät aus meiner Laufbahn, aber ein alter Mittelwellen-Röhrenradio. Wenn man ihn anschaltete, dauerte es erst ein wenig, bis die Röhren aufgeheizt waren und dann begann er gutmütig brummend den eingestellten Sender zu empfangen. Vergangenheit deswegen, weil es heute keine Mittelwellensender mehr in Deutschland gibt, die er empfangen könnte. Nach noch vorhandenem Kaufbeleg wurde er 1936 bei Radio-RIM in München erworben. Die Firma gibt es meines Wissens nach seit etwa 1991 nicht mehr, war aber für mich während meiner Schul- und Studienzeit die zentrale Anlaufstelle, um elektronische Bauelemente oder auch ganze Bausätze einzukaufen.

Bild 1: 
Das Mittelwellen-Röhrenradio brauchte nach dem Einschalten ein wenig, bis die Röhren aufgeheizt waren und erst dann begann es den eingestellten Sender zu empfangen.(Bild:  Alfred Eiblmayr)
Bild 1: 
Das Mittelwellen-Röhrenradio brauchte nach dem Einschalten ein wenig, bis die Röhren aufgeheizt waren und erst dann begann es den eingestellten Sender zu empfangen.
(Bild: Alfred Eiblmayr)

Wann hat dir die Elektronik zuletzt wieder dieses alte Kribbeln beschert?

Es ist vielleicht der Vorteil des fortgeschrittenen Alters, dass man weiß, was es früher nicht gab. Heute kann man mit Smartphone und Laptop dank Mobilfunk und Internet fast überall arbeiten und es wird auch wie selbstverständlich genutzt. Das ist verglichen mit früher schon ein gewaltiger Vorteil. Zu Beginn meiner Berufslaufbahn hatte man nur die Möglichkeit, beispielsweise auf einer Messe, sich eine der schon genannten Telefonzellen zu suchen und einen Text via Telefon ins Büro zu diktieren. Kurz darauf kamen dann die neuartigen Telefaxgeräte auf den Markt. Das war dann schon Luxus. Um auf die Frage zurückzukommen, es kribbelt eigentlich dauernd.

Bild 2: Kaufbeleg aus dem Jahr 1936 für ein Mittelwellen-Röhrenradio.(Bild:  Alfred Eiblmayr)
Bild 2: Kaufbeleg aus dem Jahr 1936 für ein Mittelwellen-Röhrenradio.
(Bild: Alfred Eiblmayr)

Wenn Du an Deinen zukünftigen Unruhestand denkst: Gibt es etwas, worauf Du Dich besonders freust und Elektronik eine Rolle spielt?

Es dauert zwar noch ein paar Jahre, bis ich, wie es so schön heißt, das Renteneintrittsalter erreicht habe, aber ich freue mich darauf, wie heute beruflich, auch weiterhin die stürmische Entwicklung in der Elektronik zu verfolgen. Selbst wenn es ab und zu so aussieht, als wäre alles Spannende entwickelt worden, kommt dann doch wieder etwas ans Licht, das sehr beeindruckend ist und den gesamten Elektronikmarkt beeinflusst. Ich nenne als aktuelles Beispiel nur die künstliche Intelligenz oder humanoide Roboter. (se)

(ID:50784585)