Bauteileeinkauf Es gibt noch alle Hände voll zu tun
Noch immer sind verschiedene Bauelemente nicht RoHS-konform - von Verarbeitungsparametern und Materialdeklarationen ganz zu schweigen, denn viele Komponentenhersteller haben den gesamten...
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Noch immer sind verschiedene Bauelemente nicht RoHS-konform – von Verarbeitungsparametern und Materialdeklarationen ganz zu schweigen, denn viele Komponentenhersteller haben den gesamten Prozess zur Offenlegung von Materialien erst sehr spät begonnen. Zudem war die Umstellung bezogen auf alle Hersteller, weniger konsistent als die Bauteil verarbeitende Industrie sich dies wünscht. Die unterschiedliche Interpretation der RoHS-Richtlinie und die Ausnahmeregelung aus Brüssel machen die Situation nicht einfacher. Rudy Van Parijs, VP Technical Development beim Halbleiterdistributor EBV Elektronik hat eine Bestandsaufnahme gemacht.Bis zum 1. Juli 2006 bleiben nur noch wenige Tage. Höchste Zeit, uns erneut mit dem Thema RoHS zu beschäftigen – allerdings auf andere Weise als wir es uns ursprünglich gewünscht hatten. Statt sich auf Troubleshooting in letzter Minute und die Lösung einzelner Restprobleme zu konzentrieren, hat die gesamte europäische Elektronikindustrie alle Hände voll zu tun. Es gilt Baugruppendesigns zu untersuchen und die Produktion auf die neuen Prozesse umzustellen, die Verfügbarkeit von Komponenten zu prüfen, fehlende Informationen einzuholen und noch vieles mehr. Eines steht jedoch fest: die RoHS-Richtlinie muss umgesetzt werden und der Stichtag 1. Juli 2006 steht unmittelbar bevor. Und das, obwohl die EU-Kommission, respektive ihr technisches Beratungskomitee, alle möglichen Ausnahmen zulässt, was die Situation nicht vereinfacht. Ganz gleich, ob diese Ausnahmen technisch, wirtschaftlich oder auf andere Art begründet sind, betreffen sie einen riesigen Teil des gesamten Elektronikmarktes. Wie groß dieser Teil ist? Für Komponentenhersteller und Distributoren ist es extrem schwierig, die Ausnahmen als prozentualen Anteil am gesamten Komponentenverbrauch auszudrücken. Warum dies wichtig ist? Die Supply Chain muss Entscheidungen treffen, wie viele „Legacy“-Bauteile, sprich Bauteile mit Bleianteilen, produziert und im Lager vorgehalten werden. Auf falsche Annahmen zu setzen, kann sich als sehr riskant erweisen. Deshalb haben viele Hersteller und Distributoren für Bauteile mit Bleianteilen strenge NCNR-Richtlinien (Non Cancellable, Non Returnable) eingeführt. Das Risiko, auf unerwünschten oder unsicheren Lagerbeständen sitzen zu bleiben, besteht dennoch. Annahmen über erforderliche Lagerreserven reichen von 1 bis über 10%. Wie auch immer das konkrete Ergebnis aussehen mag, die gesamte Komponentenbranche könnte dies mit einer Belastung zwischen mehreren 100 Mio. und mehreren Mrd. € treffen. Tatsache ist, dass bis heute bei weitem nicht alle Hersteller ihre Komponentenportfolios entsprechend umgerüstet haben. Denn viele offene Verfügbar-keitsprobleme – so seltsam dies klingen mag – gefährden die Einhaltung des Stichtags. Jetzt, wo die ersten Endgeräte RoHS-konform hergestellt werden müssen, um die dem Markt auferlegten Bestimmungen zu erfüllen, fehlen noch immer entsprechende Komponenten. Offensichtlich nehmen sich auch Regierungen der EU-Staaten größere Freiheiten, wenn es um die Interpretation der RoHS-Richtlinien hinsichtlich ihrer zeitlichen Umsetzung geht, oder deuten die dem Markt auferlegten Bestimmungen länderspezifisch. Ohne auf Einzelheiten einzugehen, hat das Fehlen von Richtlinien, die beschreiben, wie die RoHS-Richtlinien auf nationaler Ebene umgesetzt werden sollen und wie ihre Nichteinhaltung überwacht und entsprechend saktioniert wird, folgendes bewirkt: a) Aufweichung der Deadline und b) Schnitzeljagd nach Zertifikaten für alle, die die Richtlinien einhalten möchten. Was den Stichtag angeht, ist die europäische Industrie zum Glück auf dem Weg zu RoHS und der Prozess scheint irreversibel. Die Einhaltung der RoHS-Richtlinien ist Aufgabe der jeweiligen Regierung und könnte im Falle einer Nichteinhaltung sicherlich böse Überraschungen mit sich bringen. Die Industrie erscheint diesbezüglich relativ gelassen. Aus unserer Sicht bringt die derzeitige Übergangsphase mehr technische und prozessbedingte Probleme mit sich als rechtliche Belange. Das Informationsmanagement von RoHS-Daten ist katastrophal. Bezüglich des zweiten Punktes könnte das Fehlen europaweiter Richtlinien zum Erreichen der RoHS-Zertifizierung eine größere Bedeutung erlangen, je näher der Stichtag rückt. Derzeit ist das Informationsmanagement bezüglich RoHS katastrophal. Es war bereits ein großer Kampf für uns Distributoren, für unsere Kunden an halbwegs verwertbare Daten zu gelangen, die Aufschluss geben über einfache, aber wichtige Eigenschaften wie RoHS-konform „Ja“ oder „Nein“, Spitzentemperatur von Gehäusen oder zuverlässige Daten über die Verfügbarkeit. Falls Baugruppen- und Endgeräteproduzenten demnächst detaillierte Informationen über Materialbestandteile verlangen, die in manchen Fällen die RoHS-Konformität übersteigen, wird sich zeigen, dass solche Informationen nur spärlich vorhanden sind. Zertifizierungen von Einzelprodukten gehen nur nach und nach ein. Den gesamten Prozess zur Offenlegung von Materialien haben die meisten Komponentenhersteller erst sehr spät begonnen und die Situation ist, bezogen auf alle Hersteller, weniger konsistent als sich die Abnehmer wünschen. Distributoren können in diesem Fall nicht viel helfen, da auch sie auf die Informationen der Hersteller angewiesen sind. Welche Abhilfe der neue Standard IPC 1752 bringt, bleibt abzuwarten. Er kommt spät. Bis ihn die gesamte Supply Chain – bis zu welchem Stichtag auch immer – nutzt, ist die Deadline längst vorbei.
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