Catena-X sorgte in letzter Zeit für einige Schlagzeilen. Bundeswirtschaftsminister Dr. Robert Habeck hat das Projekt kürzlich als „das industriepolitische Leuchtturmprojekt für die Digitalisierung von Lieferketten“ hervorgehoben. Was verbirgt sich dahinter?
In der deutschen und europäischen Automobilindustrie ist der Digitalisierungsdruck durch die aktuellen Krisen noch höher, als er ohnehin schon war.
Digitalisierung und Industry 4.0 sind die großen Buzzwords der letzten Jahre. Obwohl sie ohne Zweifel von großer Bedeutung sind, wurden sie vielerorts idealisiert und inflationär genutzt oder sind sogar fehl am Platz, weil sie den Gegebenheiten der Realität nicht standhalten. Auf der anderen Seite gibt es viele Situationen, in denen die Trends gut und richtig platziert sind, aber die Industrie oder der Markt noch nicht die notwendigen Vorbedingungen geschaffen haben.
Blickt man nur mit der rosaroten Idealismus-Brille auf das Thema, wird man zum Beispiel kaum verstehen, warum die Modernisierung von Geldtransaktionen im Bereich Banking so weit hinterher zu bleiben scheint und viele Betroffene – teilweise noch willentlich – weiterhin auf veraltete Technologien setzen.
Gerade die jüngsten globalpolitischen und wirtschaftlichen Entwicklungen – die Corona-Pandemie, der Ukraine-Krieg, die gespannte Lage an Chinas Häfen – zeigen auf, dass es nicht unbedingt ratsam ist, sich zu sehr auf Idealzustände zu verlassen.
Digitalisierungsschmerz
In diesen Zeiten großer Unsicherheit und labiler, zum Zerreißen gespannter Lieferketten, sind Initiativen für mehr Stabilität, Flexibilität, Verfolgbarkeit und Sicherheit gefragter denn je. In der deutschen und europäischen Automobilindustrie ist der Digitalisierungsdruck damit noch höher, als er ohnehin schon war. Doch einige Hindernisse stellen sich diesem Druck entgegen.
So ist der Datenaustausch entlang der Lieferkette aktuell durch Insellösungen dominiert, wodurch die durchgängige Vernetzung erschwert wird. Ohne eine für alle Beteiligten akzeptable Lösung, einen klar herausgearbeiteten Standard, drohen auch neue Ansätze zu abgegrenzten oder gar bilateralen Systemen zu werden. Ferner ist das Zulieferernetzwerk in der Automobilbranche stark verzweigt und umfasst mitunter eine große Anzahl kleiner und mittlerer Unternehmen. Gerade diesen fällt es auch aufgrund von ressourcenbedingten Einschränkungen schwer, Änderungen in IT-Anforderungen flexibel umzusetzen.
Eine weitere Problematik liegt in der Sicherheit von und der Souveränität über vitale und wertvolle Daten. Es ist allgemein bekannt, dass Daten und intellektuelles Eigentum zu den wichtigsten Ressourcen eines Unternehmens zählen. Die Gefahr, dass z. B. technische Daten, zukünftige Designs oder auch Informationen, aus denen Strategien abgeleitet werden können, fremden Parteien unkontrolliert zugänglich gemacht werden könnten, wird als untragbares Risiko wahrgenommen.
Hinzu kommt, dass die bekannten Hyperscaler wie AWS, Google und Co. diese Anforderungen inhärent nicht erfüllen und damit nicht für eine in der europäischen Automotive Community generell akzeptable Lösung infrage kommen.
Herausforderungen der Automotive-Branche
Neben diesen systemischen Hindernissen sieht sich die Branche mit den größten marktbedingten Herausforderungen der letzten Jahrzehnte konfrontiert. Dazu gehören:
der gigantische Schritt vom Verbrenner weg zur Elektromobilität,
der große Zugzwang in Richtung autonomes Fahren,
gehöriger Nachholbedarf in der User Experience,
die immer mehr im Trend liegende Vertriebsumstellung von Händlernetzen auf Direktvertrieb,
die aktuelle globalpolitisch getriebene Last auf den Lieferketten.
Es ist also offensichtlich, dass das Problem nicht bei den OEMs aufhört, sondern den ganzen Product Life Cycle sowie die gesamte Supply Chain abdeckt. In diesem Fall ist also Digitalisierung, wie immer offensichtlicher wird, nicht nur nice-to-have, sondern überlebenswichtig.
Vorhang auf für Catena-X
Um sich einen Weg durch die genannten Hindernisse und Herausforderungen zu bahnen, wurde im Mai 2021 Catena-X gegründet. Catena-X ist ein Netzwerk für die Automobilindustrie, das einen standardisierten Austausch von Daten entlang der gesamten Wertschöpfungskette ermöglicht. Es soll die Antwort auf die diversen Vorbehalte der Automobilindustrie gegenüber der Digitalisierung sein und gleichzeitig eine rapide digitale Transformation der Branche antreiben. Dabei steht das Projekt für die Abkehr von bilateraler Datennutzung hin zu einem allgemein zugänglichen Data Space, in dem jeder Teilnehmer die Hoheit über Zugänglichkeit und Nutzung der Daten behält.
Tatsächlich klingen die Ziele geradezu fantastisch, sollen allein in den kommenden rund zwölf Monaten ganze 1.000 Partner validiert und an das Netzwerk angebunden werden. Die ersten zehn Use Cases decken schon die gesamte Wertschöpfungskette ab – hier finden sich etwa nachhaltigkeitsrelevante Anwendungen wie CO2-Monitoring, Circular Economy und Traceability wieder.
Catena-X Use Cases
(Bild: catena-x.net)
Erreicht werden sollen die Ziele durch eine föderierte Dateninfrastruktur, die die Datensouveränität und -sicherheit der Teilnehmer garantiert und somit die oben genannten Problempunkte löst. Die seit 2019 laufende EU-Initiative Gaia-X soll den Grundstein für diese Dateninfrastruktur legen und die Abhängigkeit von den etablierten Tech-Giganten wie Google, Amazon und Co. eliminieren.
Stand: 08.12.2025
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Ein zentraler Bestandteil der Gaia-X-Architektur ist der International Data Spaces Standard (kurz: (IDS), der die Möglichkeit zum offenen und selbstbestimmten Datenaustausch liefert.
Mit anderen Worten bedient sich Catena-X also am IDS-Standard und ist damit ein konkreter Anwendungsfall von Gaia-X – womit auch das Schicksal und der Erfolg von Catena-X fest mit Gaia-X verbunden sind.
Volle Kraft voraus!
Interessierte Beobachter der Fortschritte von Catena-X werden vermutlich das Gefühl teilen, dass die Öffentlichkeitsarbeit immer mehr an Fahrt aufnimmt. Ein wichtiges Event war hierbei das Debüt auf der Hannover-Messe 2022. Seitdem gibt es – wie auch auf der offiziellen Website nachzulesen ist – deutlich konkretere Informationen, zum Beispiel über die angekündigten Use Cases.
Trotz der politischen Unterstützung und des Beitrags so vieler relevanter Industriepartner steht das Gesamtprojekt vor einer mächtigen Herausforderung. Denn dazu, dass ein Standard sich durchsetzt, gehört nicht nur pure Willenskraft, sondern auch technisches Know-how, Kontinuität und passende Rahmenbedingungen.
Wenn alles nach Plan verläuft, sollte 2023 mit dem Erreichen von nutzbaren Use-Case-MVPs und der oben genannten Integration von 1.000 Partnern ein großes Jahr für Catena-X werden. (me)