Fußball-Bundesliga Das elektronische Auge unterstützt den Schiedsrichter
Die Fußball-Bundesliga startet heute in ihre 53. Saison. Bei der Eröffnungspartie zwischen dem Rekordmeister Bayern München und dem Liga-Dino Hamburger SV kommt erstmals die Torlinientechnik Hawk-Eye zum Einsatz. Sie soll den Schiedsrichtern helfen, strittige Torsituationen zu klären.
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Betrachtet man die Fußballgeschichte von Deutschland und England, dann erscheint es logisch, dass ausgerechnet in diesen beiden Ländern wegweisende Techniken entwickelt wurden, die die ewig junge Frage klären sollen: Tor oder nicht Tor?
Denn im legendären Weltmeisterschaftsfinale 1966 zwischen Deutschland und England war es gefallen, jenes ominöse Tor, über das Fußballfreunde heute noch diskutieren. In der 101. Minute des Spiels hatte Geoffrey Hurst beim Spielstand von 2:2 den Ball an die Unterkante der Latte genagelt. Das Leder prallte nach unten weg. Aber wo sprang der Ball auf? Auf der Torlinie oder dahinter? Schiedsrichter Gottfried Dienst aus der Schweiz hatte gar nichts gesehen und beriet sich daraufhin mit dem Linienrichter Towfiq Bachramow aus der Sowjetunion.
Dieser gab das Tor. Er erklärte aber später, er habe sich bei seiner Entscheidung von den entsetzten Mienen der deutschen Spieler leiten lassen. Auch die Film- und Fernsehaufnahmen ließen lange Zeit keinen eindeutigen Schluss zu. Erst 2006 wurde eine Untersuchung der Filmaufnahmen des Finales veröffentlicht, die zeigten, dass der Ball die Torlinie nicht im vollen Umfang überschritten hatte. Also kein Treffer. Die Untersuchung ist um so bedeutender, da sie von der britischen Universität Oxford stammt.
Strittige Torszenen gab es immer wieder, auch in der Bundesliga. Das bekannteste sogenannte Phantomtor ereignete sich 1994 in einer Partie zwischen dem FC Bayern und dem 1. FC Nürnberg: Ein Schuss des Münchner Abwehrspielers Thomas Helmer, der eigentlich am Nürnberger Tor vorbeistrich, wurde als Treffer gegeben.
In solchen Fällen beriefen sich die Sportverbände, sowohl der DFB als auch die FIFA, stets auf die Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters, die unbedingte Gültigkeit habe. Dennoch mehrten sich angesichts der technischen Fortschritte gerade auf dem Gebiet der Bildanalyse die Stimmen, im Fußball eine Torlinientechnik einzusetzen, um solche strittigen Situationen zu klären. Doch noch 2008 erteilte die IFAB, das für die Fußballregeln zuständige Gremium, derartigen Bestrebungen eine klare Absage.
Dann kam der 27. Juni 2010. Der Ort: Bloemfontein, Südafrika. Wieder standen sich Deutschland und England gegenüber, diesmal im Achtelfinale der Fußball-WM. Beim Spielstand von 2:1 für Deutschland feuerte der Engländer Frank Lampard einen Distanzschuss an die Latte des deutschen Gehäuses. Die Zuschauer im Stadion und an den Fernsehschirmen sahen, dass der Ball hinter der Linie aufkam - nur der uruguayische Schiedsrichter nicht. Das Tor wurde nicht gegeben, England schied nach der 1:4-Niederlage aus dem Turnier aus.
Die klare Fehlleistung des Schiedsrichters führte zu einem Umdenken bei der FIFA. Verbandschef Sepp Blatter, der die Torlinientechnik bis dato vehement abgelehnt hatte, wurde zu einem ihrer entschiedensten Befürworter. Beim Confederations-Cup 2013 in Brasilien wurde die in Deutschland entwickelte Torlinientechnik GoalControl testweise eingeführt und bewährte sich bei der WM ein Jahr später.
Trotz der erfolgreichen Premiere beim Confed-Cup 2013 zögerte die Bundesliga, vor allem wegen der mit der Einführung der Technik verbundenen Kosten. Sowohl beim britischen System HawkEye als auch der deutschen Lösung GoalControl werden Kameras auf dem Stadiondach montiert, die den Ball aus verschiedenen Winkeln verfolgen. Neben den Montagekosten für die Kameras fallen Kosten für die Wartung durch Fachpersonal an. Nach Informationen der „Süddeutschen Zeitung“ kostet der Betrieb von HawkEye pro Spiel rund 8000 Euro, also rund 136.000 Euro pro Spiel. Die deutsche Lösung GoalControl, die sehr ähnlich funktioniert, ist sogar noch teurer.
Vor allem kleinere Vereine wollten diesen Kostenblock nicht stemmen. Wieder sorgte ein sogenanntes Phantomtor für das Umdenken, und zwar am 18. Oktober 2013. Der Leverkusener Stürmer Stephan Kießling traf in der Bundesligapartie gegen Hoffenheim nur das Außennetz. Der Ball flog aber durch ein Loch im Tornetz in das Innere des Kastens. Der Treffer zählte. Die Bundesliga, die die Torlinientechnik bis dahin mehrheitlich abgelehnt hatte, entschied sich nun für deren Einführung.
Dass das britische System HawkEye gegenüber der deutschen Lösung GoalControl den Vorzug erhielt, lag einerseits am preislich günstigeren Angebot und andererseits an der laut „Süddeutscher Zeitung“ etwas größeren Messgenauigkeit von HawkEye. Das seit 2001 entwickelte britische System wird unter anderem in der englischen Premier League, bei drei der vier Grand-Slam-Turniere im Tennis sowie im Snooker und beim Cricket eingesetzt.
Bei HawkEye und GoalControl verfolgen jeweils 14 Kameras den Ball. Wird ein Tor registriert, erhält der Schiedsrichter eine Nachricht auf die Funkarmbanduhr, die er während des Spiels trägt. Die vom Erlanger Fraunhofer-Institut für integrierte Schaltungen entwickelte Lösung GoalRef (Bild) setzt dagegen auf einen Chip im Ball und Magnetspulen. die in das Tor integriert sind. Auch GoalRef ist vom IFAB inzwischen für Fußballspiele auf internationaler Ebene zugelassen.
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