Cyberangriff auf Ladeinfrastrukturen Die unterschätzte Bedrohung für die Mobilitätswende

Ein Gastbeitrag von Michael Becker* 3 min Lesedauer

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Die Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge ist ein entscheidender Baustein der Energiewende. Gleichzeitig stellt sie jedoch ein hochattraktives Ziel für Cyberangriffe dar. Wirksame Schutzmaßnahmen werden daher immer dringlicher.

Gefährdete Ladeinfrastruktur: Unterschiedliche verbaute Komponenten in der Ladeinfrastruktur  sind der Grund für zahlreiche potenzielle Angriffspunkte.(Bild:  Bosch)
Gefährdete Ladeinfrastruktur: Unterschiedliche verbaute Komponenten in der Ladeinfrastruktur sind der Grund für zahlreiche potenzielle Angriffspunkte.
(Bild: Bosch)

Cyberattacken verursachen in Deutschland jährlich Milliardenschäden. Allein 2022 bezifferte der Digitalverband Bitkom die wirtschaftlichen Verluste auf 203 Mrd. Euro [1]. Auch die Elektromobilität steht verstärkt im Fokus von Hackern, wobei sowohl Quantität als auch Qualität der Angriffe deutlich zunehmen [2].

Das Spektrum der Angriffe reicht von eher harmlosen Vorfällen, wie der Vorführung nicht jugendfreier Inhalte auf Ladestationen-Displays auf der Isle of Wright [3], bis hin zu schwerwiegenden Attacken. Letztere können etwa durch gezielte Spannungsmanipulation Fahrzeugakkus beschädigen oder mittels Denial-of-Service- und Ransomware-Attacken ganze Ladeinfrastrukturen lahmlegen. Besonders verbreitet sind zudem Angriffe, die auf Zahlungs- und persönliche Daten der Nutzer abzielen.

Komplexe Infrastruktur schafft zahlreiche Schwachstellen

Die besondere Verwundbarkeit der Ladeinfrastruktur resultiert aus ihrer Komplexität: Zahlreiche Hersteller mit unterschiedlichsten Komponenten, die oft aus internationaler Produktion kommen, müssen reibungslos zusammenarbeiten. Diese inhomogene System- und Produktlandschaft bietet zahlreiche potenzielle Angriffspunkte. Nicht umsonst zählen Ladestationen für Elektromobilität nach der NIS 2-Richtlinie zu den kritischen Infrastrukturen.

Das Center of Automotive Management (CAM) stuft die Ladeinfrastruktur sogar als eines der am stärksten gefährdeten Angriffsziele von Hackern ein. Dennoch fehlen bislang klare Vorgaben für ein sicheres Ökosystem der Ladeinfrastruktur. Im Falle erfolgreicher Angriffe drohen den Betreibern nicht nur hohe finanzielle Verluste, sondern auch langfristige Reputationsschäden.

Das Ladeinfrastruktur-Ökosystem gliedert sich in drei Hauptbereiche: die Ladeinfrastruktur aus Ladesäulen oder Wallboxen, die Backend-Cloud mit Lademanagementsystem und das Energiesystem zur Stromversorgung. Nur wenn diese Elemente nahtlos zusammenwirken, funktioniert das Gesamtsystem sicher und zuverlässig. Besonders kritisch sind folgende Aspekte:

  • Die oft unzureichend geschützte Kommunikation zwischen Ladesäulen und Abrechnungs-Backend, was den Diebstahl von Kundendaten wie Kreditkartennummern ermöglicht.
  • Die hochsensible Interaktion zwischen Ladegerät und Fahrzeugbatterie, bei der manipulierte Ladespannungen oder -ströme schwere Schäden verursachen können.
  • Die Wechselwirkung zwischen Netzanschluss und Ladegerät, insbesondere bei Hochleistungsanwendungen wie Schnellladestationen mit 200 Ampere.

Dringender Handlungsbedarf für verbindliche Standards

Die Ladeinfrastruktur weist zahlreiche Schwachstellen auf, die Angreifer leicht ausnutzen können. Zwar existieren technische Anforderungen wie IEC 61851 oder ISO 15118, jedoch sind diese nicht allgemein verbindlich. Für das Gelingen der Mobilitätswende sind anerkannte und verpflichtende Vorgaben unerlässlich, um das Vertrauen in die Infrastruktur langfristig zu sichern. Bis zur Etablierung solcher Standards müssen Hersteller eigenverantwortlich handeln:

  • Regelmäßige Sicherheitsüberprüfungen durch professionelle Penetrationstests durchführen,
  • Cybersicherheitsmaßnahmen bereits in der frühen Entwicklungsphase integrieren und
  • Produktspezifische Sicherheitsanforderungen berücksichtigen (unterschiedliche Anforderungen für E-Bikes im Vergleich zu Elektro-LKW).

Die Absicherung der Ladeinfrastruktur ist keine alleinige Aufgabe der Hersteller. Der EU Cyber Resilience Act und das NIST Cybersecurity Framework Profile for EV Charging bieten wichtige Ansätze, bleiben jedoch oft unverbindlich. Daher sind Verbände und Normungsorganisationen gefordert, technische Standards zu schaffen, die der aktuellen und zukünftigen Bedrohungslage gerecht werden. Besonders dringlich ist die internationale Harmonisierung und verbindliche Durchsetzung dieser Standards mit ausgereiften Cybersicherheitslösungen.

Sichere Ladeinfrastruktur als Schlüssel zum Erfolg

Die sichere Gestaltung der Ladeinfrastruktur ist eine unverzichtbare Voraussetzung für die erfolgreiche Umsetzung der Mobilitätswende. Die zunehmende Vernetzung erhöht zwar die Angriffsfläche für Cyberkriminelle, durch konsequente Sicherheitsmaßnahmen lassen sich die Risiken jedoch effektiv minimieren.

Ein sicherer Betrieb schützt nicht nur vor finanziellen Verlusten und Reputationsschäden, sondern stärkt auch das Vertrauen der Verbraucher in die Elektromobilität insgesamt. Die Verantwortung dafür liegt bei Herstellern, die Sicherheit von Beginn an mitdenken müssen, sowie bei Regulierungsbehörden, die für verbindliche internationale Standards sorgen müssen. Nur durch dieses Zusammenspiel kann die Ladeinfrastruktur den Herausforderungen der Zukunft gewachsen sein. (heh)

Referenzen

[1] Bitkom: 203 Milliarden Euro Schaden pro Jahr durch Angriffe auf deutsche Unternehmen. Abgerufen am 15.5.2025.

[2] Security Insider: Immer mehr Cyberangriffe auf Automobilbranche und Ladenetze.Abgerufen am 15.5.2025.

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[3] Isle of Wight: Council's electric vehicle chargers hacked to show porn site. Abgerufen am 15.5.2025.

* Michael Becker ist Global Business Director Energy and Power bei der CSA Group.

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