Das Coronavirus wird die Entwicklung von 5G verzögern: Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Untersuchung von Marktforscher ABI Research. Bis zu 1,7 Billionen US-Dollar an langfristigen Versprechen für das Wirtschaftswachstum von Unternehmen sind demnach bedroht.
Gestutzt: 5G soll Industrien beflügeln. Die Corona-Krise hat die Entwicklung der industrierelevanten Funktionen des neuen Mobilfunkstandards jedoch erst einmal ausgebremst.
Ein winziges Virus bremst ein riesiges Vorhaben: Marktforscher ABI Research hat mögliche kurz- und langfristige Auswirkungen der globalen Pandemie auf die 5G-Märkte identifiziert, untersucht und im Whitepaper „Taking Inventory of COVID-19“ zusammengefasst. Demnach hat die Covid-19-Pandemie bereits jetzt zu einer Verzögerung bei der entscheidenden Arbeit am Release 16 des Standards geführt, das 5G den Weg für den Einsatz in Unternehmen ebnen soll. Das zuständige Normungsgremium 3GPP (3rd Generation Partnership Projekt) hat formell eine Verschiebung dieser Normung bis mindestens Juni 2020 angekündigt. In der Folge würde sich die kommerzielle Einführung von industriellem 5G bis mindestens 2022 verzögern. Auch in Punkto Lizenzvergabe wirkt sich die aktuelle Krise bereits aus: Bei unseren österreichischen Nachbarn hat die dort für die Vergabe von Funklizenzen zuständige Telekom-Control-Kommission (TKK) in ihrer Sitzung vom 30. März 2020 beschlossen, die für April 2020 vorgesehene zweite 5G-Auktion bis auf Weiteres zu verschieben.
Nach Informationen von ABI wollen sehr viele Industrieunternehmen ihre Kommunikationstechnologie im Jahr 2021 auf den neuen Standard aufrüsten. Die Coronavirus-bedingte Verzögerung wird laut den Untersuchungsergebnissen dazu führen, dass für 5G mindestens 25% der Einnahmemöglichkeiten durch industrielle Anwendungen nicht realisiert werden können. Das entspräche einem Verlust von bis zu 10% für die Gesamteinnahmen aus 5G. Industrielle Anwendungsfälle sind zwar ein wichtiger, aber nicht der bestimmende Anteil daran. Den machen die prognostizierten Umsätze mit Konsumenten aus. Trotzdem: Langfristig könnte diese Entwicklung zu einem Defizit von mehreren Milliarden US-Dollar an Beiträgen zur Weltwirtschaft führen, erklärt das weltweit tätige Beratungsunternehmen.
„Dies ist ein Schlag für die Normungsgremien und den Zeitplan von 5G“, sagt Leo Gergs, leitender Analyst bei ABI Research. Die Absage wichtiger Branchenveranstaltungen, etwa des Mobile World Congress (MWC) in Barcelona, führte seinen Aussagen nach zu komplizierteren Arbeitsabläufen für das 3GPP. Das Gremium hat daraufhin beschlossen, das Finalisieren von Release 16 – der für 5G-Anwendungen in Industrie- und Logistikumgebungen essenziellen Iterationsstufe des Mobilfunkstandards – bis Juni zu verschieben. „Dies wird die Einführung von 5G in Lagerhäusern, Versandhäfen und Fabrikhallen bis mindestens 2022 verzögern“, ist Gergs überzeugt.
5G kommt später zum Einsatz: Verzögerung heißt nicht Verzicht
Auch wenn diese aktuelle Pandemie kurzfristig die Einführung von 5G in Unternehmen gefährdet, werden Unternehmen 5G doch langfristig für die Automatisierung von Arbeitsabläufen in Fabriken und anderen industriellen Umgebungen einsetzen, beschreibt ABI. Schließlich gehe es auch darum, Lieferketten zu optimieren und Unterbrechungen auf ein Minimum zu beschränken. Großes Einsatzpotenzial für industrielle 5G-Lösungen sehen die Marktforscher in Branchen, die für die Grundversorgung der Bevölkerung essenziell sind: „In der Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion beispielsweise wird 5G an Fahrt gewinnen“, sagt Gergs, „zudem erwägen immer mehr Länder, ihren Gesundheitssektor 5G-Lösungen aufzuwerten.“
Situationen wie die aktuelle Coronavirus-Krise würden die Bedeutung eines technologisch modernen Gesundheitssystems sowie einer stärkeren Automatisierung in Fabriken und Produktionsstätten verdeutlichen. Gergs erwartet, dass die derzeitige Situation um Covid-19 Verantwortliche in Unternehmen dazu bewegen wird, verstärkt über den Einsatz von Technologien wie 5G nachzudenken: „Die aktuellen Erfahrungen werden Überlegungen zu 5G-Anwendungen im Gesundheitswesen sowie in der Landwirtschaft- und Lebensmittelproduktion beschleunigen.“ Darauf müssten sich auch die Telekom-Provider einstellen.
Österreich plant gestaffelte Verpflichtungen für den 5G-Ausbau
Das österreichische TKK will noch keinen neuen Termin für die zweite 5G-Auktion nennen, da noch völlig unklar sei, wie sich die durch die Covid-19-Pandemie Krisensituation in den nächsten Tagen und Wochen entwickele. Nur so viel ist klar: Die Kommission strebt eine Vergabe der Lizenzen noch in diesem Jahr an.
Den 5G-Ausbau sieht die TKK aber durch die Verschiebung nicht gefährdet. Wie die Wiener Zeitung berichtet sind durch die im letzten Jahr durchgeführte erste 5G-Auktion ausreichend ungenutzte Frequenzressourcen im Markt, die die Betreiber bereits heute in den Ballungsgebieten nutzen können. Um finanzielle und organisatorische Ressourcenengpässe zu vermeiden, habe die TKK die Ausbauverpflichtungen der beiden 5G-Vergaben zeitlich gestaffelt. Derzeit relevant sind die Versorgungsverpflichtungen für die Frequenzen 3410 bis 3800 MHz, die Provider bis Ende 2020 erfüllen müssen. Angesichts der derzeitigen Ungewissheit hat die TKK allerdings bereits eine gewisse Flexibilität signalisiert.
Stand: 08.12.2025
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Verzögerter Ausbau könnte auch Telco-Ausrüster ausbremsen
Der erwartete verzögerte Einsatz von 5G-Technik könnte den Telco-Ausrüstern in die Parade fahren. Deren Geschäft mit 5G-Equipment hatte gerade erst richtig Fahrt aufgenommen. Der umstrittene chinesische Hightech-Konzern Huawei zum Beispiel hat im vergangenen Jahr trotz massiver US-Handelssanktionen seinen Umsatz steigern können. Mit umgerechnet 110,5 Mrd. Euro setzte das Unternehmen satte 19,1% mehr um als im Vorjahr.
Über ein Drittel davon steuert der Carrier-Geschäftsbereich bei, zu dem auch die aufstrebende 5G-Technik zählt. Trotz der in den letzten Monaten immer lauter gewordenen 5G-Boykottaufrufe sieht sich Huawei im Carrier-Geschäft „führend im kommerziellen Rollout von 5G-Netzen“, wie Huawei-Chef Eric Xu betont. 5G-Lösungen von Huawei würden inzwischen in über 50 Ländern und Regionen eingesetzt und versorgten mehr als 40 Millionen Menschen auch in abgelegenen Gebieten mit mobilem Internet.