Der größte Chipauftragsfertiger hat drastische Kürzungen seiner Ausgaben für Produktionsanlagen angekündigt – trotz guter Umsatzzahlen. Das deutet darauf hin, dass sich das taiwanesische Unternehmen auf einen möglichen Abschwung des Chipmarktes vorbereitet. Gleichzeitig gibt es Informationen über eine mögliche TSMC-Fab in Deutschland.
Kaum oben, schon geht es wieder runter: Der Halbleitermarkt ist seit jeher extrem volatil. Ein Grund: Während der Aufbau der Chipproduktionskapazitäten lange dauert, ändert sich die Nachfrage nach manchen Chips oft sprunghaft.
Über das letzte Jahr haben Chiphersteller so viel in Fertigungsanlagen investiert wie kaum je zuvor – und vollmundig weitere astronomische Investitionen und Bauvorhaben angekündigt. In der Hoffnung, dass die enorme Chipnachfrage der letzten Monate anhält oder sogar noch zunimmt. Hersteller elektronischer Geräte mussten zum Teil Mondpreise für einfachste Bauteile zahlen, um ihre Produkte fertigstellen und ausleifern zu können. Der IC-Markt war nach den teils drastischen Auswirkungen von Corona-Pandemie – und auch strategischer Fehlplanungen – wie leergefegt.
Doch nun mehren sich die Anzeichen, dass der Weltmarkt den Halbleiterherstellern in die Parade fährt – das Pendel schwingt zurück: Auf seiner Bilanzkonferenz letzte Woche teilte der weltweit größte Auftragsfertiger Taiwan Semiconductor Manufacturing Co (TSMC) mit, dass er für das kommende Jahr „nur noch“ rund 36 statt zuvor geplant 40 Milliarden US-Dollar für Investitionsgüter ausgeben werde. Das gilt als Indikator dafür, dass das Unternehmen seine Wachstumserwartungen für integrierte Schaltkreise zum Beispiel für Smartphones, Server oder auch Elektrofahrzeuge in den kommenden Monaten gesenkt hat.
TSMC: Aktienabsturz trotz Top-Ergebnis
Dabei hatte TSMC zuletzt die Erwartungen der Analysten erneut übertroffen: Für das dritte Quartal seines Geschäftsjahres 2022 meldete es einen Umsatz von 20,3 Milliarden US-Dollar bei einem Bruttogewinn von 12,2 Milliarden (netto 8,8 Mrd. US-Dollar). Damit hatte das Unternehmen erneut ein solides Ergebnis eingefahren: Gegenüber dem pandemiegeschwächten dritten Quartal des Vorjahres konnte TSMC beim Umsatz um 35,9 Prozent und beim Bruttogewinn um 47,9 Prozent zulegen. Besonders umsatzträchtig ist mittlerweile die moderne N5-Fertigung: Sie trug laut TSMC mit 28 Prozent zum Umsatz bei und überholte damit die N7-Prozesse, die aber immer noch 26 Prozent Umsatzanteil haben.
Doch der Ausblick auf die Zukunft bremst mögliche Anlegereuphorie offenbar nachhaltig: So fielen die TSMC-Aktien in der letzten Woche besonders stark. Von mehr als 550 Milliarden US-Dollar im Januar ist die Marktkapitalisierung des Unternehmens um ein Drittel auf etwa 320 Milliarden US-Dollar implodiert.
Aussichten für die Technologiebranche trüben sich ein
Eine solche Entwicklung ist für Unternehmen wie TSMC schwierig: Sie stehen an der Speerspitze des Halbleitersektors und müssen kontinuierlich enorme Summen für die Forschung und Entwicklung neuer und die Optimierung bestehender Fertigungsverfahren aufwenden – und stets weit in Vorleistung gehen. Fallen die Chipumsätze dann geringer aus als geplant, geht es gleich ans Eingemachte.
Offenbar erwartet man bei TSMC für das nächste Jahr einen breiteren Abschwung als bislang. „Die Senkung des Investitionsziels für das Gesamtjahr um 10 Prozent deutet auf eine anhaltende Schwäche der Nachfrage nach Smartphone- und PC-Chips hin“, glaubt denn auch Charles Shum, Analyst bei Bloomberg Intelligence.
Derzeit laufen makroökonomische Schockwellen durch die Weltwirtschaft: Die Nachfrage bei Verbrauchern und die Ausgaben der Unternehmen sind gesunken, gleichzeitig stapeln sich bei PC-Anbietern unverkaufte Lagerbestände. Nach Angaben von IDC sind die Auslieferungen von PCs (Desktops und Notebooks) im dritten Quartal 2022 um 15 Prozent eingebrochen. Chiphersteller wie AMD (Advanced Micro Devices) erklärten, sie seien von der Geschwindigkeit und Heftigkeit des Nachfrageeinbruchs überrascht worden. Intel, das mehrere Bauteilfamilien ebenfalls bei TSMC fertigen lässt, plant massive Stellenstreichungen wegen des Nachfrageinbruchs. Und die Speicherhersteller Micron Technology und Kioxia haben Produktionskürzungen von bis zu 30 Prozent angekündigt. Ziel ist es, die Preise für Flash und DRAM zu stabilisieren.
US-Restriktionen für Chinahandel sorgen für Ungewissheit
Neben der global schwächelnden Wirtschaften kämpft TSMC wie viele andere Halbleiterunternehmen mit den weitreichenden, zuletzt noch einmal verschärften Handelsrestriktionen, die die US-Administration Unternehmen auferlegt hat, die Geschäfte mit China machen – einerseits, um unkontrollierten Technologietransfer zu verhindern, andererseits um den aufstrebenden Konkurrenten China möglichst stark auszubremsen: So hat etwa Applied Materials, neben ASML der wichtigste Hersteller von Anlagen für die Chipherstellung, seine Prognose für das vierte Quartal 2022 gesenkt. Die Aktien von Konkurrent ASML, dessen wichtigster Kunde TSMC ist, fielen am Donnerstag (13. Oktober) um rund 3 Prozent.
Stand: 08.12.2025
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Die Restriktionen erschweren es den Chipherstellern, in China flexibel zu agieren. Und sie treffen TSMC wohl härter als frühere US-Maßnahmen, ist Analyst Sherman Shang von Fubon Research überzeugt. Laut Mitteilung geht er davon aus, dass 5 bis 8 Prozent des TSMC-Umsatzes von den US-Restriktionen beeinträchtigt werden könnten. Bloomberg Intelligence schätzt, dass TSMC aufgrund der Beschränkungen mehr als 10 Prozent seines Jahresumsatzes verlieren könnte.
C.C. Wei, TSMCs Chief Executive Officer, will sich an den derlei Spekulationen nicht beteiligen: Bei einer Telefonkonferenz mit Analysten teilte er mit, dass es zu früh sei, für etwaige Beeinträchtigungen „eine konkrete Zahl zu nennen.“ Er geht allerdings davon aus, dass sich „die Bestandskorrektur wahrscheinlich irgendwann in der ersten Hälfte des Jahres 2023 am stärksten auswirken“ wird. Die Auswirkungen der US-Beschränkungen werden jedoch überschaubar sein, sagte er. Dem pflichtet Shum bei: „TSMCs Prognose eines Umsatzwachstums von mindestens 43 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und einer Bruttomarge von 59,5 Prozent liegt über den Konsensschätzungen – und deutet auf sehr geringe unmittelbare Auswirkungen der neuen US-Restriktionen hin.“
TSMC kommt nach Europa. Nicht. Doch. Vielleicht.
Während der Bilanzkonferenz bekräftigte die TSMC-Unternehmensleitung erneut ihre langfristigen Umsatzziele: So soll das Jahr 2023 allen Widrigkeiten zum Trotz zum Wachstumsjahr werden. Bei ausreichend hoher Chipsnachfrage fasst man demnach auch eine weltweite Expansion ins Auge. Dazu passt die erneut entflammte Diskussion in der Branche um eine mögliche TSMC-Fabrik in Deutschland. Spekulationen darüber gibt es bereits seit einigen Jahren. 2021 gab es tatsächlich erste Sondierungsgespräche zwischen dem Konzern und der Bundesregierung.
Nun gibt es neue Hinweise, dass der taiwanesische Chipriese sich in Europa engagieren könnte – möglicherweise in Dresden. So hatte das Finanzmagazin „Capital“ letzte Woche darüber berichtet, TSMC würde Pläne für eine eigene Chipfabrik im Großraum Dresden vorantreiben. In der Region sind bereits andere Chiphersteller ansässig, etwa Bosch und Infineon. Darüber hinaus plant Intel den Aufbau eines großen Chipzentrums in Magdeburg.
EU CHIPS Act: Mehr Chips aus Europa
Gedrängt von europäischen Automobilkonzernen, die in den letzten zwei Jahren massiv unter dem grassierenden Chipmangel zu leiden hatten, denkt TSMC auch laut taiwanesischen Medien wohl über den Aufbau einer modernen Fertigung für 300-mm-Wafer in Deutschland nach. Sowohl TSMC als auch das Bundeswirtschaftsministerium halten sich diesbezüglich bedeckt. Klar ist: TSMC wird nur in Europa investieren, wenn üppige Zuschüsse fließen – genau wie bei Intel.
Die Bundesregierung ist offenbar bereit, die Ansiedlung von Halbleiterproduzenten im Land zu unterstützen. Auf europäischer Ebene gibt es seit diesem Jahr das „europäische Chipgesetz“ (EU CHIPS Act) für eben diesen Zweck. Gegenüber Capital sagte eine Ministeriumssprecherin: „Es ist das Ziel, die Forschungs- und Produktionskapazitäten in Deutschland und der EU zu erhöhen und die Industrie durch gute Rahmenbedingungen dabei zu unterstützen, ihre Lieferketten stärker zu diversifizieren.“ Nach Informationen von Capital soll eine TSMC-Delegation noch im Oktober nach Sachsen reisen, um die Möglichkeiten in Deutschland auszuloten.
Eine Ansiedlung von TSMC – ob in Deutschland oder einem anderen europäischen Land – würde der Strategie der EU-Kommission in die Hände spielen, wieder deutlich mehr Halbleiter in der EU zu fertigen. Als Ziel wurde ursprünglich ein Weltmarktanteil von 20 Prozent ausgerufen. Das würde bedeuten, dass die Produktionskapazität in Europa um ein Vielfaches schneller zunehmen müsste als im Rest der Welt – was gelinde gesagt unrealistisch ist. Mittlerweile soll dieses Ziel zumindest noch für Hochtechnologieknoten unter 7 nm gelten. (me)