Berufe im Wandel – Die Zukunft der Arbeit in der Industrie 4.0

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Andere Arbeit, nicht weniger – ein buntes Bild

Es gibt auch eine andere, deutlich farbenfrohere Zukunftsversion, und mehrere Untersuchungen widmen sich diesem Szenario. Dreh- und Angelpunkt dieses Ansatzes ist das deutsche System mit seiner starken dualen Ausbildung neben der akademischen Ausbildung. Wie gut bereitet dieses System auf die Arbeit in der Industrie 4.0 vor?

Im Kern lautet die Antwort folgendermaßen: Die duale Ausbildung vermittelt – im Unterschied zum Erwerb von Kenntnissen für Jobs– neben der fachlichen Kompetenz auch die Fähigkeit, sich innerhalb des eigenen Berufs weiterzubilden. Facharbeit ist eben nicht die bloße Vorbereitung auf einen Job, sondern das Erlernen eines Berufs. Berufe wiederum haben sowohl einen allgemeinen „Tätigkeitskern“ als auch spezielle Tätigkeiten, die sich (auch) ja nach Stand der Technik verändern.

Dasselbe gilt für kaufmännische und Verwaltungsberufe. Natürlich wurde durch E-Mails und Computerprogramme das Arbeitsfeld verändert. Heute muss kaum noch jemand ein Carbonband wechseln können oder ein Kassenbuch händisch führen. Sogar die Buchungssätze werden weitgehend automatisch erstellt. Wir dürfen davon ausgehen, dass Chat-Bots (automatische, intelligente Kommunikationsverfahren) auch in der Kundenbetreuung die Arbeit der Menschen im Büro verändern werden.

Und doch: Auch hier gibt es die vielen (Kern-)Tätigkeiten, die Kundenbetreuung jenseits der Standardantworten, die Prüfung der Bücher, die Ermessensentscheidungen und ähnliche essentielle Aufgaben. Sie alle bleiben erhalten, werden aber von den Computern, Maschinen und Algorithmen anders unterstützt als dies in den letzten Jahren und Jahrzehnten der Fall war.

Technologie und Mensch – Das Zusammenspiel

Wenn wir uns das zweite Szenario anschauen, so erkennen wir, dass es viel mehr Raum für die Frage lässt, wie Mensch und Technik zusammenwirken können. Es ist nicht so einseitig negativ und es handelt nicht nach dem Motto: Die Technik kommt, der Mensch geht. Natürlich wird es auch weiterhin technische Veränderungen geben, sonst wäre Fortschritt ja kaum möglich. Und wir erleben ja schon die Digitalisierung unserer Lebens- und Arbeitswelt hautnah mit. Es kommt also auf den richtigen Umgang mit der Technik an, das, was wir daraus machen und wo wir selber Grenzen für die Anwendung festlegen. Auch das erleben wir längst. Viele Bereiche der neuen Technologien beherrschen wir wie das Einmaleins, wenn nicht sogar besser – Mails und Nachrichten verwalten, den digitalen Kalender befüttern oder die Suche nach Informationen im Netz. Junge Menschen wachsen also in den Stand der Technik hinein, sie erwerben quasi „im Vorübergehen“ die Fähigkeiten, die ihnen auch bei der Bewältigung ihres Arbeitslebens nützlich sind. In einer Welt, in der der Touchscreen des Smartphones zum Alltag gehört, hat eine berührungssensitive Oberfläche als Bedienungseinheit einer Produktionsmaschine jede Exotik verloren. Und wer seine Lieder in der Cloud speichert, wird keine Verständnisschwierigkeiten damit haben, wenn auch Maschinen ihre Parameter für den nächsten Produktionsschritt aus der Cloud abrufen.

Auch fällt es dieser Generation leichter, neue Aufgabenbereiche und Lösungsmöglichkeiten für Probleme zu sehen, die mit der Digitalisierung einhergehen. Brauchen untereinander vernetzte Maschinen vielleicht neue Facharbeit, die Prozesse über die Schnittstellen hinausführt? Ist Vernetzungsprozessbegleiter/in also ein Ausbildungsberuf der Zukunft, von dem wir heute vielleicht nur träumen können? War nicht auch die industrielle Facharbeit für die noch landwirtschaftlich geprägte Gesellschaft jenseits der damaligen Vorstellungen? Kann nicht auch die Facharbeit ergänzt werden durch eine neue Art der qualifizierten Arbeit?

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Pfelegeroboter können helfen

In Pflegeberufen beispielsweise geht es unter anderem um die Begleitung, Unterstützung und Betreuung von Menschen. Ob dabei für die Planung der Hausbesuche Papierkalender, elektronische Kalender oder Cloud-Calenders zum Einsatz kommen, ändert an der Pflegetätigkeit selber jedoch wenig.

Pflegeroboter EMMA zu Besuch im InnoTruck, der rollenden Ausstellung zum Wissenschaftsjahr 2018 "Arbeitswelten der Zukunft"
Pflegeroboter EMMA zu Besuch im InnoTruck, der rollenden Ausstellung zum Wissenschaftsjahr 2018 "Arbeitswelten der Zukunft"
( Bild: BMBF/Hans-Joachim Rickel )

Auch der Einsatz von Hilfsmitteln kann sich verändern: Pflegeroboter können Fachkräfte bei körperlich anstrengenden Tätigkeiten unterstützen, zum Beispiel schweres Heben erleichtern. Aber auch dies verändert im Wesentlichen nur die Spezialtätigkeiten, nicht den Kern der Arbeit und die essentiellen Kompetenzen, die für diesen Beruf nötig sind.

Zusätzlich zur jungen Generation sind es die bereits im Arbeitsprozess aktiven Menschen, die sich in der zunehmend digitalisierten Arbeitswelt zurechtfinden und behaupten müssen. Und hier liegt eine besondere Stärke der deutschen (dual ausgebildeten) Facharbeit. Die duale Ausbildung vermittelt neben Kenntnissen immer auch Fertigkeiten und Kompetenzen, dass Fachkräfte das Erlernte zugleich anwenden und anpassen können. Berufsausbildungen beinhalten stets auch eine Vielzahl von Anknüpfungspunkten für neues Wissen, Können und Anpassungen. Und sie vermitteln dabei immer auch die Fähigkeit, kommende Technik mitzuentwickeln.

Facharbeit ist eben keine Wiederholungsarbeit im Takt der Maschine, sie ist qualifizierte Arbeit im erlernten Zusammenspiel mit anderen Menschen und mit maschinellen Umgebungen. Facharbeit bringt sich in Arbeitsumgebungen ein und gestaltet diese Umgebungen mit. Und was für die Facharbeit gilt, gilt gleichermaßen für die akademische Ausbildung an Hochschulen.

In Möglichkeiten denken

Nach all diesen Vorabüberlegungen bleibt die brennendste Frage bestehen: Was erwartet uns genau in der Arbeitswelt 4.0?

Die ehrlichste Antwort lautet natürlich: Das weiß niemand so genau. Aber wir können mit einigen Entwicklungen stärker rechnen als mit anderen: Die Arbeit wird digitaler, das Zusammenspiel von Mensch und Technik wird wichtiger. Die Arbeit wird flexibler, dies gilt für Arbeitszeiten ebenso wie für Arbeitsorte und die Verteilung von Arbeit in bestimmten Lebensphasen. Damit steigt die Anzahl der Möglichkeiten, auch für die individuelle Lebensplanung. Für unser Ausbildungssystem heißt das, dass es noch stärker als bisher auf die gegenwärtigen Tätigkeiten und die weitere Ausbildung im Arbeitsprozess vorbereiten muss. Die Arbeit selbst wird also eine Lehrendere werden und der stetige Lern- und Weiterbildungsprozess immer mehr in den Vordergrund rücken. Das ist besonders auch für die Menschen wichtig, die schon Jahre lang beruflich tätig sind.

Insgesamt können wir uns darauf einstellen, dass es die „eine“ Arbeitswelt der Zukunft gar nicht geben wird. Die einzelnen Bereiche der Arbeitswelten werden – ebenso wie heute – sehr unterschiedlich aussehen. Sie alle werden aber mit hoher Wahrscheinlichkeit die verstärkte Nutzung von digitalen Medien, Daten, Clouds und weiteren digitalen Instrumenten beinhalten.

Wer einen Einblick in diese Vielfalt bekommen will, kann auf der Webseite www.wissenschaftsjahr.de stöbern. Hier stellt das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit seinen Partnern aus Wissenschaft, Gewerkschaften und Verbänden dar, was schon heute erforscht und entwickelt wird, um weiterhin gute Arbeit zu gestalten. Zahlreiche Veranstaltungen und spannende Orte geben schon heute die Möglichkeit, die Arbeitsplätze der Zukunft zu erleben. Und es gibt fahrende Ausstellungen, wie den InnoTruck und die MS Wissenschaft, die auf Deutschlandtour gehen und für jeden die Türen öffnen.

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