Turbolader statt Bremsanker US-Sanktionen spornen Chinas Chipindustrie an

Von Henrik Bork* und Michael Eckstein

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Schießen sich die USA mit ihren Sanktionen gegen China in die eigenen Knie? Laut Bloomberg kommen 19 der 20 am schnellsten wachsenden Unternehmen der globalen Halbleiterindustrie aus China. Und unter den zehn größten Foundries sind mittlerweile drei chinesische Hersteller.

SMIC ist nicht nur der größte chinesische Halbleiterhersteller, sondern spielt auch weltweit eine wichtige Rolle als Lieferant von Mainstream-Chips.
SMIC ist nicht nur der größte chinesische Halbleiterhersteller, sondern spielt auch weltweit eine wichtige Rolle als Lieferant von Mainstream-Chips.
(Bild: SMIC)

Die USA belegen China seit einiger Zeit mit Sanktionen, die dessen Hightech-Industrie treffen sollen. Eine gerade von der amerikanischen Wirtschaftsagentur Bloomberg veröffentlichte Statistik legt nun nahe, dass die Handelseinschränkungen möglicherweise nicht den gewünschten Effekt haben – beziehungsweise die Volksrepublik anspornen, die eigene Halbleiterindustrie stärker als zuvor zu entwickeln. 19 von 20 der am schnellsten wachsenden Unternehmen der globalen Halbleiterindustrie stammen aus China, berichtet die gewöhnlich sehr China-kritische Nachrichtenagentur Bloomberg. Zum Vergleich: Im Vorjahreszeitraum waren es (immerhin bereits) acht.

„Die US-Sanktionen helfen China, seine Chipfertigung wie mit einem Turbolader zu beschleunigen“, kommentiert Bloomberg diese Entwicklung. Mit anderen Worten: Der ehemalige US-Präsident Donald Trump und sein Nachfolger Joe Biden erreichen momentan eher das Gegenteil ihres ursprünglichen Ziels: Statt Chinas Halbleiterindustrie auszubremsen, wächst sie momentan so schnell wie nie zuvor – deutlich schneller als im Rest der Welt.

US-Sanktionen als zusätzlicher Ansporn – für China

Andere Analysten verweisen darauf, dass die US-Sanktionen nicht die Ursache dieser Entwicklung seien. In der Tat war schon in mehreren Fünf-Jahresplänen der kommunistischen Führung in Peking die Stärkung der heimischen Chipindustrie ein wichtiges Thema. Die US-Sanktionen gegen Huawei und andere chinesische Tech-Unternehmen und die schwarzen Listen für Halbleiter-Exporte in Washington wirkten nun nur als eine Art „Brandbeschleuniger”, argumentieren die Anhänger dieser Sichtweise.

Unabhängig davon, welche Ansicht ein Beobachter wie gewichtet: Ein Blick auf die jüngsten Zahlen in China ist auf jeden Fall ernüchternd für all jene, die sich von Sanktionen und Exportkontrollen ein Ausbremsen der chinesischen Hightech-Industrie und chinesischen Kapazitäten im Bereich Halbleiter erhoffen.

Chinas Halbleiterhersteller boomen in wichtigen Mainstream-Märkten

Chinesische Unternehmen aus der Halbleiterindustrie konnten in den vergangenen vier Quartalen ihre Umsätze stärker steigern als ihre weltweite Konkurrenz, zeigen die von Bloomberg zusammengetragenen Daten. So konnte beispielsweise der größte chinesische Auftragshersteller von Halbleitern, die „Semiconductor Manufacturing International Corporation“ oder SMIC zuletzt eine Steigerung seines Quartalsumsatzes um 67% vermelden.

Das Wachstum von SMIC war deutlich schneller als das von Rivalen wie GlobalFoundries aus den USA oder TSMC aus Taiwan. Damit liegt SMIC derzeit fast gleichauf mit GlobalFoundries, könnte das Unternehmen bald überholen und sich hinter UMC auf den 4. Platz in der Top 10 der Foundries schieben.

Drei der zehn größten Halbleiterhersteller kommen mittlerweile aus China. Darüber hinaus wachsen einige chinesische Unternehmen der Halbleiterindustrie besonders schnell.
Drei der zehn größten Halbleiterhersteller kommen mittlerweile aus China. Darüber hinaus wachsen einige chinesische Unternehmen der Halbleiterindustrie besonders schnell.
(Bild: Asia Waypoint / Bloomberg)

Der Vergleich mit TSMC hinkt insofern, als das die Taiwanesen mit ihrem riesigen Marktanteil zehnmal so viel Umsatz machen wie SMIC und daher prozentual nicht so schnell wachsen können wie die Chinesen, die von einem ungleich geringeren Umsatz kommen. Dieser Umstand gilt gleichermaßen für Nexchip, das 2022 enorme 26 % zulegen konnte – auf immerhin 443 Millionen US-Dollar.

Im Corona-Lockdown Produktion aufrechterhalten

Im vergangenen Jahr stiegen die Umsätze von in China ansässigen Fertigungs- und Design-Unternehmen für Halbleiter um 18% „auf die Rekordsumme von mehr als 1 Trillion Yuan (rund 140 Milliarden Euro). Ein Grund war die Fähigkeit der größten chinesischen Unternehmen – darunter SMIC und die „Huahong Semiconductor Ltd.” – selbst in Zeiten der härtesten Corona-Lockdowns in China ihre Produktion aufrecht zu erhalten.

Die örtlichen Behörden gewährten nicht nur Ausnahmegenehmigungen, die Arbeitern trotz Lockdown die Chipfertigung in Werken von SMIC oder Huahong erlaubten, sondern halfen sogar beim Chartern von Frachtmaschinen, mit denen wichtige Bauteile aus Japan eingeflogen wurden. So wurden Engpässe in den Lieferketten für chinesische Chiphersteller umgangen oder zumindest verringert.

Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass die massiven Lockdowns 2022 und die zeitweise Blockade des Shanghaier Hafens – immerhin der größte Handelshafen der Welt – dazu geführt haben, dass die IC-Produktion in der Volksrepublik im ersten Quartal dieses Jahres, gemessen an der Weltproduktion, um 4,2 % gesunken ist – der erste quartalsmäßige Rückgang seit 2019.

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Wachstum in mehreren Teilen der industriellen Lieferkette

Wenn Bloomberg nun von einem aktuellen „Supercharging“, also einer außergewöhnlich starken Beschleunigung der chinesischen Halbleiterindustrie spricht, meint die Agentur nicht nur Chiphersteller. Auch in vielen anderen Teilen der industriellen Kette für Halbleiter ist in jüngster Zeit ein starkes Wachstum für chinesische Unternehmen zu beobachten.

So konnte etwa der Videochip-Designer „Shanghai Fullhan Microelectronics Co.” seinen Umsatz im Beobachtungszeitraum um 37 % steigern. Und der chinesische Hersteller von Design-Werkzeugen „Primarius Technology Co.“ konnte im vergangenen Jahr seine Verkäufe von jedem Quartal zum nächsten so gut wie verdoppeln.

Wirken die US-Sanktionen eher als Ansporn?

Während China schon seit Jahrzehnten am strategischen Ausbau seiner Halbleiterindustrie arbeitet, hat die Rivalität mit Washington nun offensichtlich noch einmal zu einer Verstärkung der Anstrengungen in Peking geführt, die „Autarkie“ der chinesischen Halbleiter-Fertigung zu stärken. Es fließen Milliarden-Subventionen für heimische Unternehmen und gleichzeitig werden Staatsbetriebe ermutigt, möglichst „chinesisch“ einzukaufen, berichten Insider.

Covid-19 und die aus den Corona-Maßnahmen resultierenden Lieferengpässe arbeiten in einigen Bereichen zu Gunsten der chinesischen Anbieter, sagen gut informierte Beobachter. „Der größte zugrundeliegende Trend ist Chinas Suche nach Selbstversorgung in der Lieferkette“, sagte der Analyst Phelix Lee von der Investment-Firma Morningstar gegenüber Bloomberg, als er nach Gründen für das schnelle Wachstum der Industrie in China gefragt wird. „Während der Lockdowns müssen chinesische Kunden, die vor allem importierte Halbleiter nutzen, nach heimischen Alternativen suchen, um weiter operieren zu können“, sagt Lee.

Chinas Weg zur Selbstversorgung ist noch lang

Noch immer importiert China Halbleiter im Wert von mehr als 430 Milliarden US-Dollar (2021). Das starke Wachstum chinesischer Unternehmen muss also relativ zu ihrer derzeitigen Größe gesehen werden. Es wird daher noch viele Jahre dauern, bis die kommunistische Partei in Peking ihr erklärtes Ziel der „heimischen Substitution“, also das Ersetzen ausländischer Chiphersteller durch chinesische, erreichen kann. Dies gilt insbesondere für die fortgeschrittensten Generationen von Halbleitern, die China bislang nicht fertigen kann.

Doch Schritt für Schritt – und in letzter Zeit offenbar entschlossener denn je – fördert die chinesische Industriepolitik ihr Ziel einer Verringerung der Abhängigkeit von US-amerikanischen und anderen internationalen Produzenten in der Halbleiter-Industrie. Im jüngsten globalen Ranking von Trendforce ist nachzulesen, dass im ersten Quartal 2022 schon drei chinesische Foundries unter den globalen „Top 10“ zu finden sind. Eine davon, „Hefei Nexchip“ aus der chinesischen Provinz Anhui, wächst so schnell wie keine andere. Gerade haben die Chinesen in dem Ranking die israelische Firma „Tower Semiconductor” überholt. Intel hatte Tower im Februar übernommen.

Fertigungsausrüster ASML macht ein Drittel seines Umsatzes in China

Auch die Hersteller von Lithographie-Maschinen und anderer Ausrüstung in der Volksrepublik machen momentan ein sehr gutes Geschäft. Die Verkäufe des führenden Ausrüsters ASML in China haben trotz verschiedenster US-Sanktionen im ersten Quartal dieses Jahres beachtliche 34 % des gesamten globalen Umsatzes des niederländischen Unternehmens gestellt. In diesem Jahr plane ASML in der Volksrepublik 200 weitere Mitarbeiter einzustellen, um den Bedarf bedienen zu können, berichtet die Zeitung Global Times in Peking.

Insgesamt sind die Bestellungen chinesischer Chip-Hersteller für Maschinen und Ausrüstungen im vergangenen Jahr um 58% im Vergleich zum Vorjahr gestiegen, wie Statistiken von „Semi“ zu entnehmen ist. Die Volksrepublik war 2021 das zweite Jahr in Folge der größte Markt für Halbleiterausrüstungen weltweit.

US-Sanktionen bremsen primär Chinas Ambitionen bei Sub-10-nm-Chips

Egal, wo man in der politischen Debatte um die US-Sanktionen gegen Chinas Hightech-Industrie steht – auf der Seite der „China-Falken“, die wirtschaftliche Entwicklung der Volksrepublik so weit wie möglich bremsen möchten, oder auf der Seite der Befürworter des Freihandels und der Globalisierung, die unter anderem auf die große Abhängigkeit der globalen Chipindustrie von ihren Verkäufen in China verweisen – eine Einsicht drängt sich auf: Die US-Sanktionen gegenüber Chinas Chipindustrie wirken primär bei den allerneusten Halbleitertechnologien. Bei den wichtigen Mainstream-Bausteinen kann das Land hingegen seine Rolle eher stärken.

Gleichzeitig hat ein Trend eingesetzt, der Chinas Führungselite nicht gefallen dürfte: Bedingt durch das Gebaren des autoritären Regimes, zunehmenden politischen Druck, Corona-bedingte Shutdowns verliert das Land für immer mehr Elektronikhersteller an Attraktivität. Viele zieht es mittlerweile nach Vietnam. Darunter sind auch chinesische Produzenten.

* Henrik Bork ist Analyst bei Asia Waypoint, einem auf den asiatischen Markt fokussierten Beratungsunternehmen in Peking.

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